Nachhaltiger Konsum - ein sperriger Begriff?
In Anlehnung an die
Nachhaltigkeits-Definition der Brundtland-Kommission könnten wir *Nachhaltigen
Konsum" folgendermaßen beschreiben:
Solche Dinge in solchen Mengen
einkaufen und so nutzen, dass deren Herstellung und Verbrauch nicht verhindert,
dass es mir und anderen auch in Zukunft gut geht.
Das mag abstrakt
und auch ein wenig flapsig klingen und klärt vielleicht nicht auf Anhieb die
ganze Dimension des nachhaltigen Konsumierens.
Doch wenn wir
berücksichtigen, dass weniger als die Hälfte der Menschen in Deutschland das
Wort
Nachhaltigkeit erklären kann, so macht das deutlich, dass die Sache
selbst nicht ganz einfach ist und dass es eine einfache
und zugleich umfassende Erklärung dessen, was "nachhaltiger Konsum" ist,
nicht geben kann.
Was könnte das Verständnis so schwierig
machen?
-
Das weltweite
Produzieren, Handeln und Konsumieren (einschließlich des Finanzierens,
Nutzen- und Schadennehmens) ) ist komplex, und anders als bei neuen Handy liegt keine
Anweisung für den bedenkenlosen Konsum in der Verpackung.
-
Preise deuten nur
an, wie effektiv etwas hergestellt ist.
-
Ist etwas billig,
billigen wir es. Wie können wir riechen, dass für den attraktiven Preis am
anderen Ende der Produktionskette vielleicht an Lohn-, Umwelt- oder
Arbeitsschutz gespart wurde?
-
Fragwürdige
Bedürfnisse nach Ablenkung vom Stress, Flucht vor Langeweile, Suche nach
Trost und sogar triebhafte Kaufsucht provozieren fragwürdige Nachfrage nach
immer mehr Kaufbarem und verhindern eher die Suche nach sozialen Wegen aus
dem eigenen Unwohlsein. Und Werbestrategen wissen die Lust an der
Vorstellung einer heilen und „geilen“ Welt geschickt anzuheizen.
Doch niemand hat
auf Dauer Spaß an der Völlerei, wenn der Preis ist, ständig die Augen vor
Ungerechtigkeiten und ein dickes Ende im Treibhaus Erde zu verschließen!
Oder wenn das
Fernsehen einmal zeigt, wie „untragbar“ die Arbeitsbedingungen der
Näherinnen für unsere Kleidung sind, wie „bitter“ das Kaffeeernten war, wie
„sauer“ das Zuckergeschäft für die Länder des globalen Südens ist?
Und wenn wir
einmal in der Zeitung lesen
-
dass Arbeiterinnen
täglich 14 Stunden für einen Hungerlohn nähen und dabei stundenlang nicht
zur Toilette dürfen
-
dass die Kinder
bei der Kaffeeernte mitarbeiten müssen, damit die Familie versorgt ist.
-
dass mit dem
Zuckerpreis in Europa Subventionen bezahlt werden, die dafür sorgen, dass
der teuerste Zucker der Welt mit Hilfe von „Ausfuhrerstattungen“ den Zucker
aller anderen Anbauregionen unterbieten kann
-
wie viel
Regenwaldflächen für Futtermittel gefällt wurden für das Vieh der Reichen?
Oder man ist
selbst betroffen von den Handyschulden der Teenager, Dumpinglöhnen,
Lebensmittelskandalen, überhöhten Energiepreisen und Strom fressenden
Geräten, der Verknappung von Rohstoffen oder „fabrikneuem Sperrmüll“.
Niemand zahlt auch gern für die Dividende der Shareholder des papierenen
Illusion eines "ewige Wachstums" .

Und urplötzlich
fragt man sich:
Wie kann es sein,
dass Manschen die 40 Cent für das Nähen eines Turnschuhes erhalten, während
die Markenfirma von den 100 € Verkaufspreis ein Drittel bekommt?
Und man fragt
sich weiter:
Was wollen wir
eigentlich?
Ist mein Leben es
wert, sich vom bedenkenlosen Konsum bestimmen lassen?
Können wir
Menschen uns frei machen vom Wechselbad der Verführung und Enttäuschung?
Könnten wir uns
nicht in einer fairen Weise verständigen, was für ein glückliches
Zusammenleben zu tun und was besser zu lassen ist?
Zum Glück gibt es
Alternativen
-
Es gibt
Unternehmer, die neue Wege gehen, Verantwortung übernehmen, sich zur
Einhaltung ökologischer Standards und sozialer Kodices (Vereinbarungen) für
die Näherinnen von Textilien verpflichten.
-
Es gibt fair
gehandelten Kaffee, sogar im Supermarkt, der den Kleinbauern Existenz
sichernde Löhne garantiert. Es gibt politische Veränderungen auf dem
Zuckermarkt.
-
Es gibt Fleisch
aus ökologischer Landwirtschaft, bei der die Tiere mit Futter vom eigenen
Hof ernährt werden.
-
Es gibt auch
nachhaltige Produkte, die langlebig, ökologisch, sozialverträglich und
ethisch verantwortbar etc. sind.
-
Es gibt die
Möglichkeit zum verantwortungsvollen Umgang mit Energie und Rohstoffen.
Und diese Formen des Nachhaltigen Konsums müssen in keiner Weise der
Lebensfreude und –qualität abträglich sein!
Nachhaltiger
Konsum und Entwicklung
In einer
globalisierten Welt tragen Verbraucher/innen durch ihren Konsum
Mitverantwortung für das Wohlergehen von Menschen auf der anderen Seite des
Globus.
Deshalb sollen die
direkten Folgen und Zusammenhänge des Handelns über die geografischen und
kulturellen Distanzen hinweg sichtbar gemacht werden.
So können
Verbraucher/innen Zusammenhänge zwischen Armut und Zerstörung der
natürlichen Lebensgrundlage in den Ländern des globalen Südens und der
eigenen Nachfragemacht erkennen und statt mitfühlender Hilfe
verantwortungsbewusstes Verbraucherverhalten gefordert und nachdenken
verbraucherpolitische Strategien für faire Nord-Süd-Beziehungen auf gleicher
Augenhöhe angeregt.
Nachhaltigkeit hat keine fix
und fertigen Ziele
Aktuelle
Vorstellungen von Nachhaltigem Konsum können immer nur Momentaufnahmen in
einem ständigen Entwicklungsprozess sein, in dem sich unsere Welt permanent
bewegt.
Deshalb wird es
uns oft nicht erspart bleiben, ein „Dickicht“ an Informationen zu
durchforsten, um Handlungsmöglichkeiten zu finden, Problemlösungen zu
entdecken und zu entwickeln,
Aber es gibt viele
Möglichkeiten, etwas zu Tun
Es gibt für den
Nachhaltigen Konsum kein vorgefertigtes und auch kein einheitliches Konzept.
Dies muss nicht von Nachteil sein, denn jede/r kann dadurch einen
individuellen Weg finden.
Es gibt viele und
auch sehr einfache Möglichkeiten mit dem Nachhaltigen Konsum zu beginnen:
Z.B. einfach mal ein Produkt aus fairem Handel kaufen, auf das Biosiegel
achten etc..
Handlungsmöglichkeiten sind in vielen Wegweisern, Verbraucherinformationen,
Tests, Qualitätsstandards und –siegeln etc. zu erfahren. In unserer Welt ist
es nicht schwer, an diese Informationen heranzukommen, wenn man interessiert
ist.
Je häufiger
Verbraucher/innen Interesse an nachhaltigen Produkten zeigen, um so stärker
wird sich auch ein entsprechendes Angebot entwickeln
Gemeinsam sind wir
nachhaltig
Wem es nicht
reicht, individuell ein Stück verantwortlicher zu handeln, hat viele
Möglichkeiten, Kritisch nachzufragen, Protest zu äußern, sich an
Postkarten- und E-Mailaktionen zu beteiligen oder Informationen über
unzulässige Produktionsbedingungen zu verbreiten.
Unternehmen, wie
z. B. die Markenimperien in der Sportbekleidungsbranche sind sehr sensibel
gegenüber Kritik und Imageverlust. Sobald sie den Protest und die
Forderungen vieler Menschen registrieren, müssen sie sich etwas einfallen
lassen.
Ein Direktor vom
Jeansfabrikanten Levi’s Strauss sagte: „In der heutigen Welt kann ein
einziger Fernsehbericht über schlechte Arbeitsbedingungen die langjährigen
Bemühungen eines Unternehmens zerstören, eine spezifische Markenloyalität zu
entwickeln."
Politik für
Nachhaltigkeit
Nicht nur von
Produzenten sondern auch von Regierungen können wir globale
Handelsbedingungen einfordern, die eine faires Miteinander zum Wohle der
gegenwärtig und zukünftig lebenden Menschen ermöglichen.

Zusammengefasst:
„Nachhaltig leben
heißt, gut, gesund, partnerschaftlich und tolerant zu leben, den Dingen
ihren Wert gewähren, bewusst genießen, auch genussvoll konsumieren. Das
heißt auch, auf Qualität zu achten, nicht jeder Mode nachzulaufen, aber auch
nicht jede zu verachten, das gehört zur Lebensqualität. Nachhaltig
konsumieren heißt, sich zu erinnern, dass das Bessere der Feind des Guten
sein sollte, nicht das Billigere; dass ferner Gemeinschaftlichkeit und
Individualismus zusammengehören wie Partnerschaftlichkeit und
Selbstständigkeit.
Nachhaltige Lebensstile sind die
Kunst des richtigen Verhaltens in falschen Strukturen. Deshalb braucht es
beides, Politik von oben und Handeln von unten. Nur zusammen entstehen
nachhaltige Produktions-, Konsum- und Wirtschaftsstrukturen.“
Aus: Joachim H.
Spangenberg/Sylvia Lorek, Sozioökonomische Aspekte
nachhaltigkeits-orientierten Konsumwandels; in:
Aus Politik und
Zeitgeschichte 24/2001, S. 29.
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